Google ist nicht am Ende – aber es ist nicht mehr der einzige Ort, an dem Kaufentscheidungen vorbereitet werden. Ein wachsender Teil deiner potenziellen Kunden stellt seine Rechercheanfragen direkt in ChatGPT, Claude oder Perplexity, statt sich durch eine Ergebnisliste zu klicken. Wer nur für Google optimiert, übersieht diesen Teil komplett.
Diese Aussage ist bewusst nüchtern formuliert. Es gibt genug reißerische Artikel darüber, dass "Google stirbt" – das ist Übertreibung und hilft niemandem weiter. Was tatsächlich passiert, ist unspektakulärer und trotzdem folgenreich: Ein Teil der Suchanfragen, die früher zwingend über eine Suchmaschine liefen, läuft heute über ein Chat-Fenster. Die Größenordnung ist inzwischen messbar: ChatGPT allein zählte im Februar 2026 über 900 Millionen wöchentliche Nutzer weltweit, doppelt so viele wie ein Jahr zuvor.[1] Selbst Google reagiert auf denselben Trend: Die KI-Übersichten in der eigenen Suche erreichten im Mai 2026 über 2,5 Milliarden monatliche Nutzer.[2] Für dein Unternehmen zählt nicht die Schlagzeile, sondern die Frage: Bist du an beiden Orten präsent, oder nur an einem?
Was sich wirklich verändert
Der entscheidende Unterschied ist nicht, ob Menschen googeln oder nicht – viele tun beides parallel. Der Unterschied ist die Länge der Ergebnisliste. Bei Google hattest du als Unternehmen zehn Chancen auf der ersten Seite, gesehen zu werden. Bei einer KI-Antwort hast du im Schnitt eine bis drei. Rang vier bis zehn existieren in diesem Format schlicht nicht mehr.
Das verschärft den Wettbewerb massiv, gerade in Nischen mit wenigen etablierten Anbietern. Wer es in die kurze Liste schafft, bekommt einen unverhältnismäßig großen Anteil der Aufmerksamkeit. Wer nicht drin ist, verliert nicht ein bisschen Sichtbarkeit – er verliert die Anfrage komplett.
Was das für Unternehmen mit erklärungsbedürftigen Angeboten bedeutet
Je höherpreisiger und erklärungsbedürftiger dein Angebot, desto länger und intensiver ist die Recherchephase deiner potenziellen Kunden – und desto wahrscheinlicher, dass ein KI-System irgendwo in diesem Prozess eine Rolle spielt. Eine typische Frage wie "beste Agentur für X" oder "worauf sollte ich bei Y achten" wird heute oft zuerst in ein Chat-Fenster getippt, nicht in eine Suchleiste.
Die Empfehlung eines KI-Systems wirkt dabei überraschend neutral und vertrauenswürdig – sie sieht nicht wie Werbung aus, obwohl sie faktisch genau diese Funktion übernimmt.
Ist Google deshalb überflüssig?
Nein, ganz klar nicht. Google bleibt für viele Suchintentionen – lokale Suche, transaktionale Käufe, schnelle Fakten-Checks – die naheliegendste Wahl. Die Behauptung, Google sei am Ende, ist genauso übertrieben wie die Behauptung, an KI-Systemen führe kein Weg vorbei. Realistisch ist: Beide Kanäle existieren parallel, und du kannst dir aktuell nicht aussuchen, welchen deine potenziellen Kunden nutzen.
Was du jetzt tun solltest
- Prüfe, ob ChatGPT, Claude und Perplexity dich bei den Fragen nennen, die deine Kunden stellen würden.
- Wenn nicht: Schau dir an, wer stattdessen genannt wird, und warum.
- Baue klare, gut strukturierte Inhalte auf – sie helfen bei Google genauso wie bei KI-Systemen.
- Wiederhole den Check regelmäßig. Die Ergebnisse verändern sich schneller als bei klassischem SEO.
Quellen
- [1] OpenAI, zitiert nach TechCrunch (27. Februar 2026)
- [2] Sundar Pichai, Google I/O 2026, zitiert nach CNBC (19. Mai 2026)
